Es gibt Musik, die sich aufdrängt. Und es gibt HELDAUTOMAT.
HELDAUTOMAT machen es einem nicht leicht. Keine schnellen Erlösungen, keine überdeutlichen Botschaften, keine Hooks, die dir sofort erklären, wie du dich zu fühlen hast.
Stattdessen: analoge Synthesizer, ein zurückhaltendes Piano, eine stoisch arbeitende Drumbox und diese Stimme, die nicht fragt, ob du bereit bist, sondern einfach da ist.
Das Album ZWISCHEN DEN LICHTERN bewegt sich genau dort, wo der Titel es verortet: zwischen Zuständen, zwischen Emotionen, zwischen Licht und Dunkelheit. Und manchmal auch zwischen Hoffnung und dem leisen Verdacht, dass das alles vielleicht gar keinen Unterschied macht.
Klanglich ist Zwischen den Lichtern erstaunlich zeitlos– fast schon trotzig. Hier wollte niemand Vorbildern nacheifern oder gar einen Hit schreiben, im Gegenteil. Das Ergebnis ist kein Retro-Entwurf, sondern eher eine Art Erinnerung an etwas, das vielleicht nie ganz stattgefunden hat.
Der Opener LIEBE IST ENDLICH klingt wie eine Feststellung, Keine Metaphern, kein Ausweg, keine Rettung. Nur die leise Erkenntnis, dass Dinge aufhören. Auch die, von denen man dachte, sie wären für die Ewigkeit.
In AM ERSTEN TAG geht es nicht um Anfang, sondern um das, was vom Anfang übrig bleibt. Man hat sich im Kreis bewegt und steht wieder genau dort, wo man angefangen hat. Nur ohne die Illusionen.
UND JETZT zeigt Beziehung als Zustandsbeschreibung: Man liegt nebeneinander und wäre lieber woanders. Auch das kennt man. Oder man will es nicht kennen.
ANDERS SEIN ist eine Coverversion von CHRISTIAN PURWIENs frühere Band SECOND DECAY und sie ist tatsächlich anders ohne ihre Wurzeln zu verraten.
UNGESAGT kreist um das, was übrig bleibt: Dinge, die man hätte sagen können, wenn man gewusst hätte, dass keine Zeit mehr bleibt. Natürlich wusste man es nicht. Wie immer.
Selbst dort, wo Englisch ins Spiel kommt – etwa in PAGE OF MY DIARY oder THE GRASS IS GREENER – wird es nicht leichter. Die Perspektive bleibt dieselbe: ein Blick zurück, der nicht unbedingt schlauer macht, aber ehrlicher.
Wer SECOND DECAY mag dem wird deren Underground-Hit I HATE BERLIN bekannt sein und jetzt – nach dreißig Jahren – kommt Christian zurück nach Berlin. IT ALWAYS RAINS IN BERLIN erzählt eine Liebesgeschichte, doch seine Haltung zur Stadt hat sich nicht geändert. Man küsst sich im Regen. Und hasst Berlin trotzdem. Oder gerade deshalb. Das ist vielleicht der ehrlichste Moment des Albums: Dinge können wahr sein, auch wenn sie nicht zusammenpassen.
Und dann ist da noch MANCHMAL, ein Song, von dem Keyboarder THOMAS KOWA sich wünscht, dass er auf der eigenen Beerdigung gespielt werden sollte. Womit alles gesagt ist.
Bei aller Schwere blitzt immer wieder etwas auf, das man fast überhören könnte: Humor. Sehr trocken. Sehr versteckt. Zum Beispiel im Booklet selbst, wenn darauf hingewiesen wird, man solle sich bitte nicht mit der anderen Band der beiden beschäftigen – PURWIEN 6 KOWA, da diese „nur Musik für Retro-Nerds mit eingeschränktem Hörvermögen“ mache. Das ist kein Zufall. Es ist ein Hinweis darauf, dass sich HELDAUTOMAT ihrer eigenen Ernsthaftigkeit durchaus bewusst sind – und sie nicht ganz ohne Augenzwinkern stehen lassen.
Auch musikalisch findet sich dieses Prinzip wieder: Melodien, die fast eingängig sind, sich dann aber doch entziehen. Songstrukturen, die sich Zeit lassen, als ob die heute noch jemand hätte.
ZWISCHEN DEN LICHTERN ist kein Album für nebenbei. Es ist ein Album für Menschen, die bereit sind, sich selbst eine Stunde zu stehlen – nicht nur für die Musik, sondern auch für das, was sie auslöst.
Diese Songs funktionieren nicht wie Antworten. Sie funktionieren eher wie Fragen, die man schon lange mit sich herumträgt, ohne sie formulieren zu können.
Am Ende bleibt ein Album, das sich nicht festlegen lässt.
Ist es traurig? Ja. Ist es schön? Auch. Ist es hoffnungslos? Vielleicht. Ist es ehrlich? Ziemlich sicher.